Foto: Willy Haraldsen/ NTB scanpix.Foto: Willy Haraldsen/ NTB scanpix.

Die Besonderheiten der norwegischen Sprache

Letzte Aktualisierung: 16.04.2015 // Wer von „der norwegischen Sprache“ spricht, drückt sich wenig präzise aus: In Norwegen gibt es nicht nur zahlreiche verschiedene Sprachdialekte, sondern auch zwei offizielle Schriftsprachen, die verwendet werden: „Bokmål“ sowie „Nynorsk“. Geschichtlich betrachtet wurde Norwegisch nicht nur von Dänisch, sondern auch entscheidend von der plattdeutschen Sprache beeinflusst.

Deutsche Touristen, die erstmalig Norwegen besuchen, machen schnell die Erfahrung, dass eine enge sprachliche Verwandtschaft zwischen diesen Ländern besteht. Der Inhalt von Zeitungsüberschriften oder Werbeanzeigen kann häufig ohne weitere Kenntnisse verstanden werden. Ein Grund hierfür ist der gemeinsame Ursprung aus den germanischen Sprachen, einer Unterfamilie der indogermanischen Sprache.

Während sich Norwegerinnen und Norweger heute mehr oder weniger problemlos mit Dänen oder Schweden unterhalten können, so ist Isländisch nicht zu verstehen, und dies obwohl sowohl die norwegische als auch die isländische Sprache im sogenannten Norrønt mál (altnordische Sprache) ihren Ursprung findet. Im Laufe der Geschichte wurde Norwegisch aber mehrfach stark beeinflusst und internationalisiert, wodurch die Nähe zum Isländischen verloren ging.

Kaum ein norwegischer Satz ist ohne plattdeutsche Lehnwörter möglich

Im 11. Jahrhundert entwickelte sich Norwegisch zu einer eigenen Schriftsprache, die jedoch bald stark von dem Plattdeutschen beeinflusst wurde. Grund war die Hanse, eine Vereinigung niederdeutscher Kaufleute, die ihren Handel auf ganz Europa ausweitete und zur Internationalisierung der norwegischen Wirtschaft zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert beitrug. In dieser Zeit wurde Mittelniederdeutsch die Verkehrsprache Skandinaviens und das Norwegische vereinfachte sich, damit deutsche Händler in Städten wie Bergen oder Tønsberg mit der Bevölkerung kommunizieren konnten.

Laut dem Hanseforscher Arned Nedkvitne kann heute kaum ein Satz ausgesprochen werden, in dem nicht eines oder mehrere plattdeutsche Lehnwörter benutzt wird, welche damals Eingang in die norwegische Sprache fanden. Beispiele für vom Deutschen abgeleitete Wörter sind herre, krig, handel, betale (bezahlen), billig, kjeller (Keller) oder skomaker (Schuhmacher). Hinzu kommen deutsche Präfixe wie an- (z.b. ansikt) oder be- (begynne). So kommt Nedkvitne zu dem Urteil: „Der plattdeutsche Einfluss auf Norwegisch […] ist die umfassendste Europäisierung der norwegischen Sprache, die jemals in historischer Zeit stattgefunden hat.“

Dänisch verdrängte die alte norwegische Schriftsprache

Über vier Jahrhunderte stand Norwegen unter dänischer Krone. Beamten führten den Schriftverkehr auf Dänisch und das norwegische Bürgertum studierte in Kopenhagen. Dänisch verdrängte die alte Schriftsprache völlig, daher war es nicht verwunderlich, dass die norwegische Reichssprache, das Riksmål, im Wesentlichen aus dem Dänischen hervorging. Ab 1929 wurde Riksmål zu Bokmål (der Buchsprache), welche heute von ca. 85 - 90 % der norwegischen Bevölkerung verwendet wird. Obwohl sich diese im Laufe der Jahrzehnte stark weiterentwickelt hat, so fällt es noch heute Norwegern wesentlich leichter, dänische Texte zu lesen, als Dänisch mündlich zu verstehen.

Trotz der dänischen Schriftsprache blieben verschiedenste norwegische Mundarten über die Jahrhunderte bestehen. In den 1850er Jahren, als Norwegen eine Union mit Schweden bildete, entwickelte der Dichter und Sprachwissenschaftler Ivar Aasen aus einer nationalen Bewegung heraus Landsmål, eine aus ländlichen norwegischen Dialekten vom Dänisch befreite Schriftsprache. Diese wird heute als „Nynorsk“ (Neunorwegisch) bezeichnet und von 10 - 15 % der norwegischen Bevölkerung verwendet.

Die ungefähre Verteilung der zwei Schriftsprachen Norwegens, nach einer Grafik von 2007. 
Foto: Zakuragi - Lizenziert unter CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Norwegianmalforms.png#/media/File:Norwegianmalforms.png.Die ungefähre Verteilung der zwei Schriftsprachen Norwegens, nach einer Grafik von 2007. Foto: Zakuragi - Lizenziert unter CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Norwegianmalforms.png#/media/File:Norwegianmalforms.png.
 

Sowohl Bokmål als auch Nynorsk sind heute offizielle Amtssprachen

Heute sind sowohl Bokmål, welches eher im Osten und Norden gebräuchlich ist, als auch Nynorsk (eher Westnorwegen) offizielle Amtssprachen, die in der Schule als 1. bzw. 2. Sprache gelehrt werden. Viele offizielle Webseiten bieten Varianten in beiden Sprachen an und der staatliche Rundfunksender NRK unterliegt der Regelung, mindestens 25 % seiner Beiträge auf Nynorsk zu veröffentlichen.

Die Unterschiede zwischen den beiden Schriftsprachen sind dabei oft marginal: „Wie heißt du?“ (wörtlich: Was heißt du?) wird auf Bokmål zu „Hva heter du?“ und auf Nynorsk zu „Kva heiter du?“. Größer ist der Unterschied beim Satz: „Ich komme aus Norwegen.“ Hier wird aus „Jeg kommer fra Norge“ (Bokmål) „Eg kjem frå Noreg“ (Nynorsk).

Trotz sprachlicher Vielfalt verstehen sich alle

Trotz dieser offiziellen Schriftsprachen gibt es in Norwegen keine dem Hochdeutschen vergleichbare Mundart. Im verbalen Bereich wird selbst im Radio und im Fernsehen der eigene Dialekt gesprochen. So gibt es zahlreiche Varianten der mündlichen norwegischen Sprache, etwa das dem Bokmål ähnliche Østlandsk oder Nordnorsk, Trøndersk und Vestlandsk. Bei vielen dieser Dialekte besteht eine Verschmelzung zwischen der weiblichen und der männlichen Form, so dass nur noch letztere verwendet wird.  

Obwohl sich die Dialekte ebenso unterscheiden wie Plattdeutsch und Bayrisch, so können sich alle Norwegerinnen und Norweger gegenseitig verstehen, da man schon allein durch die Medien mit der norwegischen Sprachvielfalt aufwächst. Eine Ausnahme stellt die samische Sprache Sami dar, die den finno-ugrischen Sprachen entstammt. Mehrere Kommunen in Nordnorwegen wie Karasjok oder Kautokeino gelten seit den 1990er Jahren als zweisprachiges Gebiet, indem Sami, welches ebenfalls in zahlreiche Dialekte unterteilt werden kann, im Verkehr mit den Behörden zugelassen ist.

Die Urbevölkerung, die Samen, haben eine eigene Sprache, die den finno-ugrischen Sprachen entstammt. 
Foto: Berit Roald/ NTB scanpix.Die Urbevölkerung, die Samen, haben eine eigene Sprache, die den finno-ugrischen Sprachen entstammt. Foto: Berit Roald/ NTB scanpix.
 

Das norwegische Alphabet kennt neben den 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets die drei weiteren Zeichen Æ æ (wie deutsches Ä), Ø ø (wie deutsches Ö) und Å å (wie deutsches O). Das „O“ wird häufig wie ein deutsches „U“ ausgesprochen, dass „U“ wie ein deutsches „Ü“. Grammatikalisches betrachtet ist das Erlernen der norwegischen Sprache für Deutsche eine einfache Angelegenheit, die korrekte Aussprache der Vokale gilt allerdings als Ding der Unmöglichkeit.

Verhältnis der skandinavischen Sprachen untereinander:

  • Bokmål: Hva heter du?  [va heːtər dʉ]
  • Nynorsk: Kva heiter du? [kva hæɪtər dʉ]
  • Schwedisch: Vad heter du? [vɑ heːɛtər dʉ]
  • Dänisch:  Hvad hedder du? [væ hɛðɔ du]
  • Deutsch: „Wie heißt du?” (wörtlich: „Was heißt du?”)

Unterschied Bokmål Nynorsk:

  • Bokmål:  Jeg kommer fra Norge [jæɪ kɔmːər fra nɔrgə]
  • Nynorsk: Eg kjem frå Noreg. [eːg çɛm fro noːrɛg]
  • Deutsch: „Ich komme aus Norwegen.”

Weitere Informationen zu norwegischen Redensarten.


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