Eröffnung des Zentrums zur Erforschung des Holocausts und die Lage der Glaubensminoritäten in Norwegen - Villa Grande, Bygdøy, Oslo 23. August 2006

Rede des Außenministers Jonas Gahr Støre

Eure Majestät, Eure Königliche Hoheit, Herr Stortingspräsident, verehrte Anwesende,


Hat ein Gebäude eine Seele? Können Gebäude sprechen?

Die Antwort ist wohl – ja. Ein Haus oder ein Gebäude erhält durch die Menschen, die es bauen und von den Menschen, die es nutzen, eine Seele.

So senden sie eine Botschaft an ihre Mitwelt. Und so tragen sie auch eine Botschaft in die Zukunft.

Aber Menschen sind für die Botschaft an die Nachwelt und den Umgang mir ihr ebenso verantwortlich, wie sie es für ihr Tun in der Gegenwart sind. Es obliegt den Menschen ihr Leben zu gestalten, ihre Gesellschaft zu entwickeln, zwischen Recht und Unrecht zu entscheiden –  zu glauben, zu zweifeln, zu suchen, aber auch Verantwortung zu übernehmen.

Die Philosophie sagt den jungen Menschen: Bleib wie du bist! Wir können das nicht zu einem Gebäude sagen. Es sind die Menschen, die es tun.

Für viele Norweger ist das Gebäude, in dem ich tätig bin, mit Symbolen an eine dunkle Vergangenheit beladen. Auf der Victoria Terrasse misshandelte die Gestapo auf bestialische Art und Weise Gefangene. Heute befinden sich, zwei Etagen über dem Folterkeller, die Büros des Außenministeriums für die Arbeit mit den Menschenrechten, für Frieden, Versöhnung und humanitäre Arbeit.

Wenn wir es großzügig betrachten, so war es der Freiheitskampf und die Demokratie, die diesen Übergang ermöglichten. Die Menschen übernahmen Verantwortung, wählten einen anderen Kurs und gaben dem Gebäude eine neue Seele.

Die Villa Grande mit ihren soliden Wänden und der beeindruckenden Architektur wurde vom Industriebauer Sam Eyde errichtet und beherrscht die Bygdøy-Landschaft. Vor dem zweiten Weltkrieg hatten einige eine Vision darüber, dass Metereologen hier arbeiten sollten.

Die Villa Grande ging aber in die Geschichte als ein Symbol für Schande und Verrat ein, als Quislings Heim und Basis. Auf diese Weise erhielt das Gebäude seine Seele – für die Gegenwart und weit in die Zukunft.

Vom Turm hier konnte man im Herbst und Winter 1942-43 die Boote vom Kai wahrscheinlich ablegen sehen, mit 760 Juden zusammengepfercht auf dem Weg in die Lager. Weniger als 30 kamen zurück.

Als wir im Januar am Holocaust-Tag am Akershus-Kai versammelt waren, markierten wir, dass die Abreise von dort begann, von einem Kai in Oslo.

Aber Völkermord – als Idee und als System – beginnt an einem anderen Ort. Er beginnt im Geist der Menschen. Er entwickelt sich in Gebäuden, in denen Menschen tätig sind – wie hier.

Der Holocaust war keine Naturkatastrophe. Er war von Menschen geschaffener Terror. Und dieser spielte sich auch in unserem Land ab.

Er wurde von normalen Menschen, die im normalem Leben standen, durchgeführt. Dies geschah während der deutschen Besatzung. Aber diejenigen, die die Deportationen durchführten, diejenigen, die die Listen erstellten, diejenigen, die die Reihenfolge aufstellten, diejenigen, die die Fahrzeuge hinunter zum Kai fuhren – diese waren Norweger.

Und die Taten können nicht auf die Deportation selbst isoliert werden, sie kamen von einem Ort, der Grund dafür steckt tiefer; in den Menschen, in der Kultur, in der Geschichte und im gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein.

Jetzt sind wir versammelt, um die Villa Grande mit einer neuen Geschichte und einer neuen Vision zu erfüllen; wir beseelen das Gebäude mit einer Botschaft, um die Geschichte zu verstehen. Es geht darum, die kleinen Bäche zu erhellen, die zu einer ganzen Flutwelle von Tragödien und Unheil führen können, die von Menschen geschaffen sind, und um die Erforschung der Zusammenhänge, die die Zivilisation zu ebensolchen Abgründen – wie dem Völkermord führen konnte.

Es ist mir eine Freude, im Namen der Regierung bei der Eröffnung des Zentrums für die Studien des Holocaust und der Stellung der Religionsminderheiten anwesend zu sein.

Eine besondere Freude ist es, sagen zu können, dass viele Regierungen dahinter stehen – und wir sehen, dass viele ehemalige Regierungschefs und Regierungsmitglieder heute Abend hier anwesend sind.

Dieses Vesprechen wird die Nation nicht teilen; es wird uns um einige der Werteträger und Trägerpfosten versammeln, die unsere Gesellschaft benötigt, um standfest zu sein.

Der Weg zu diesem Tag begann vor fast zehn Jahren, und Schritt für Schritt hat uns eine umfangreiche gemeinschftliche Arbeit dazu verholfen.

Ich möchte ein herzliches Dankeschön an alle richten, die dazu beigetragen haben –  viele von ihnen sind heute Abend ebenfalls hier anwesend. Ein ganz besonderer Dank richtet sich an diejenigen, die die Lager und die Leiden überlebt haben – an die Zeitzeugen, die unermüdlich als Zeugen ausgesagt, berichtet und erläutert haben, nicht nur über selbst erlebte Qualen, sondern ganz besonders über die Verhältnisse in der Gesellschaft, die dazu führten.

Ihre Aufgabe war es zu informieren, besonders gegenüber der Jugend. Wir als Gesellschaft sind ihnen großen Dank schuldig.

Die Villa Grande nimmt jetzt diese Botschaft in sich auf und gibt damit dem Gebäude für unsere Lebenszeit eine Seele.

Tiefgehende Nachforschungen sollen nicht nur die Vergangenheit erleuchten. Sie sollen auch zu einer weitaus schwierigeren Aufgabe beitragen – die Gegenwart zu erhellen und uns dazu zu gewinnen, rechtzeitig das zu verstehen, was genau jetzt geschieht.

Das benötigen wir, weil die Strömungen, die zum Holocaust führten, nicht völlig verschwunden sind. Sie zeigen sich und kommen zum Ausdruck, erscheinen in neuen Formen und an neuen Orten. Es gibt neue Ortsnamen auf einer dunklen Liste – wie z.B. Screbrenica, Ruanda und Darfur.

Ein amtierender Regierungschef leugnet öffentlich den Holocaust. Minoritäten werden vor aller Welt diskriminiert und verfolgt; manchmal bis zum Tod. Hinter eher verschlossenen Türen wachsen solcheVorurteile, die zu den genannten Ausschreitungen führen können.

Der Kampf gegen diese Grauzonen muß aufgenommen werden - gegen Antisemitismus und Ideologien und Denkweisen, die Hass verbreiten und Menschen ausgrenzen.

Wir sind nicht verschont. Religionsgruppen, in unserer eigenen Gesellschaft, auf unseren eigenen Strassen, fühlen sich stigmatisiert, unsicher, schlichtweg verängstigt. 

So wollen wir es nicht haben. Als Gesellschaft müssen wir dagegen ankämpfen.

Menschen sind nicht wie Gebäude. Sie können ihre Wahl treffen. Aber wir müssen durchgreifen, um zu begreifen.

Auch dies wird zur Herausforderung für dieses Zentrums.

Ich wünsche allen, die hier arbeiten werden, viel Erfolg. Mögen die Villa Grande und das Zentrum für die Studien des Holocaust und die Stellung der Religionsminderheiten dauerhaft positive Spuren hinterlassen!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Übersetzt aus dem Norwegischen

Nähere Informationen über das Zentrum: http://www.hlsenteret.no/


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