DNF-Magazin: Welche Bedeutung haben die Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland in der norwegischen Außenpolitik?
Svedman: Deutschland spielt in der ökonomischen und politischen Entwicklung in Europa eine wichtige Rolle und enge Beziehungen sind somit für Norwegen äußerst wichtig. Es ist deshalb für die norwegische Seite erfreulich, dass Deutschland das Land ist, das uns neben unseren nordischen Nachbarn am nächsten steht, sowohl politisch, wirtschaftlich wie auch kulturell.
Deutschland ist der drittgrößte Exportmarkt und der zweitgrößte Handelspartner Norwegens. Es ist ein wichtiger Abnehmer von Erdgas, Fisch und Kfz-Zulieferteilen aus Norwegen und der größte Markt für norwegische Fremdenverkehrsbetriebe. In Bereichen wie Wirtschaft, Technologie, Forschung, Wissenschaft und Verteidigung besteht eine umfassende Zusammenarbeit.
In den Fragen der Außen- und Innenpolitik hat man in Deutschland oft die gleiche Auffassung wie in Norwegen. Wir legen beide größten Wert auf verpflichtende internationale Zusammenarbeit, Armutsbekämpfung und Abrüstung. Wir sind seit über 50 Jahren in der NATO und arbeiten für Stabilisierung und Wiederaufbau. Weil wir kein Mitglied der EU sind, aber ein aktiver europäischer Partner sein möchten, ist es sehr wichtig, einen guten Dialog mit dem am dichtesten besiedelten EU-Mitgliedsland zu haben. Es zeigt sich auch, dass Norwegen und Deutschland viele gemeinsame Interessen innerhalb der Europäischen Union haben, und dass Deutschland norwegische Interessen in vielen Zusammenhängen unterstützt hat.
DNF-Magazin: Welche gemeinsamen Interessen gibt es aus Ihrer Sicht für Norwegen und Deutschland im Norden Europas?
Svedman: Sowohl Deutschland als auch Norwegen möchten Pionierland auf dem Gebiet der Klimapolitik sein. Nirgendwo ist der Klimawandel so deutlich präsent wie etwa auf Svalbard und in den nördlichen Gebieten Europas. Dort kann man deutlich messen, wie das Eis aufgrund von Änderungen im Klima schmilzt und sehen, dass Fjorde, die früher von Eis bedeckt waren, jetzt teilweise eisfrei geworden sind. Deutschland hat sowohl in der Polarforschung wie auch beim Umweltschutz eine lange Tradition und gerade deshalb ist die Zusammenarbeit mit Deutschland in den Nordgebieten so wichtig für Norwegen. Ich war selbst mit dem norwegischen Außenminister Jonas Gahr Støre und seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier im August in Tromsø in Nord-Norwegen und auf Spitzbergen. Steinmeiers erneuter Besuch in Norwegen zeugt von einem starken Engagement der deutschen Seite für die Nordgebiete.
Des weiteren erfolgt jetzt der Ausbau der Gasgewinnung bei Hammerfest, und andere Gebiete in Nord-Norwegen werden auf mögliche Gasreservate untersucht. Um die Grundlage für neue Gebiete zur Gasgewinnung zu finden wie bei Hammerfest, ist es wichtig, Norwegens Rolle als ein zuverlässiger und sicherer Gaslieferant zu bewahren, auch gegenüber Deutschland als Großverbraucher von norwegischem Gas. Ein Drittel des Erdgasverbrauchs in Deutschland kommt aus Norwegen, und kürzlich konnten wir das 30jährige Jubiläum der norwegischen Erdgaslieferungen an Deutschland feiern. Gleichzeitig sind die Gasgewinnung und die Klimapolitik zwei Aspekte, die eng miteinander verbunden werden müssen. Hier ist ein deutsch-norwegischer Dialog im Bereich der Klimaund Energiepolitik besonders wichtig, um sich hinsichtlich Energiesicherheit, Effektivität und einer Ressourcen erhaltenden Entwicklung zu vergewissern.
DNF-Magazin: Wie sehen Sie die Aufgaben und Rollen von Nichtregierungsorganisationen bei der Entwicklung der Beziehungen zwischen Norwegen und Deutschland?
Svedman: Diese Organisationen spielen eine sehr wichtige Rolle und repräsentieren flexible Instrumente, um eine breite deutsch-norwegische Zusammenarbeit zu fördern. Besonders erfreulich ist auch, dass in den letzten Jahren viele neue, starke Organisationen dazu gekommen sind, wie die Norwegisch-Deutsche Willy- Brandt-Stiftung, das German Norwegian Network und jetzt vor kurzem, das Deutsch-Norwegische Jugendforum. Und dass die Deutsch-Norwegische Freundschaftsgesellschaft 2008 ihr 20jähriges Bestehen feiern kann, spricht neben ihrer Vitalität auch für die Kompetenz bei der Pflege der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern.
Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt, nach dem die deutsch-norwegische Stiftung benannt worden ist, engagierte sich selbst stark für Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Ländern. Für ihn selbst war die deutschnorwegische Zusammenarbeit aus persönlichen Gründen besonders wichtig. Deshalb ist es sehr gut zu sehen, dass seine Gedanken und Visionen heute hier weiterverfolgt werden.
Des weiteren sind diese Organisationen für den persönlichen Kontakt zwischen Norwegern und Deutschen von großer Bedeutung. Und letzten Endes sind es gerade diese Kontakte, die entscheidend dafür sind, dass es überhaupt eine so gute Zusammenarbeitsgrundlage zwischen Norwegen und Deutschland gibt.
DNF-Magazin: Wo glauben Sie gibt es noch Entwicklungspotentiale für die Beziehungen unserer beiden Länder?
Svedman: Unsere Beziehungen sind kaum zu einem Zeitpunkt in der Geschichte besser gewesen. Aber trotz des guten kulturellen Verständnisses zwischen unseren beiden Ländern stellen wir fest, dass sich immer weniger Jugendliche in Norwegen entscheiden Deutsch zu lernen. Dies kann als ein Paradoxon angesehen werden, weil das kulturelle Verständnis eines anderen Landes und dessen Kultur zuerst durch die Sprache erfolgt. Da Deutschland sowohl politisch, kulturell und nicht zuletzt ökonomisch für uns von zentraler Bedeutung ist, ist die norwegische Wirtschaft stets auf der Suche nach Norwegern mit guten Kenntnissen über Deutschland und nicht zuletzt in der deutschen Sprache.
Wir müssen deshalb noch deutlicher machen, wie wichtig deutsche Sprachkompetenz ist. Hier gibt es mehrere Initiativen. Unter anderem wird hoffentlich das deutsch-norwegische Jugendforum, das zum ersten Mal in Essen in Verbindung mit dem Staatsbesuch Mitte Oktober veranstaltet wurde, ein wichtiges Glied zur Verdeutlichung der wichtigen Bande zwischen deutscher und norwegischer Kultur und Sprache unter der Jugend sein. Die Hoffnung ist, dass das Forum das Interesse für Deutschland unter der norwegischen Jugend verstärkt und der Schüler- und Studentenaustausch zwischen Norwegen und Deutschland weiter zunimmt. Auch hier leistet die Deutsch Norwegische Willy-Brandt-Stiftung wertvolle Arbeit. Erfreulich ist ebenso hier die Kooperation mit der Deutsch-Norwegischen Freundschaftsgesellschaft bei der Schüler-Lehrer-Konferenz.
DNF-Magazin: Was für Schwerpunkte sehen Sie in Ihrer Arbeit in den ersten 12 Monaten in der neuen Aufgabe?
Svedman: Zunächst werden die ersten 12 Monate als Botschafter in Deutschland voll ausgelastete Monate sein, aber gleichzeitig auch sehr spannende. Eine Reihe von Kulturfestivals, die Norwegen als Gastland haben, wurden im Herbst in Deutschland veranstaltet, von dem Usedomer Musikfest bis zu den Essener Lichtwochen.
Und ganz im Mittelpunkt stand natürlich der offizielle Staatsbesuch von S.M. König Harald und I.M. Königin Sonja vom 15. - 17. Oktober in Berlin, Essen und Düsseldorf. Mit einer so starken norwegischen Anwesenheit in Deutschland wie im Herbst 2007, wird es eine dankbare Aufgabe sein, Aufmerksamkeit rund um Norwegen in Deutschland zu schaffen. Es ist aber ebenso wichtig, dafür zu sorgen, dass die norwegisch-deutsche Zusammenarbeit auch nach diesen Kulturfestivals und dem Staatsbesuch im norwegischen und deutschen Gedächtnis präsent bleibt.