Rede des norwegischen Ministers für Auswärtige Angelegenheiten Jonas Gahr Støre in Berlin

Hier können Sie die Rede vom norwegischen Außenminister Jonas Gahr Støre zur Eröffnung der norwegisch-deutschen Ausstellung ”Nicht nur Lachs und Würstchen. 100 Jahre deutsch-norwegische Begegnungen” lesen, die er im Museum für Kommunikation in Berlin am 10. November 2006 hielt.


Geehrter Herr Außenminister Steinmeier,
Herr Staatssekretär Thönnes,
Herr Direktor Kallinich,
Meine Damen und Herren,

in Norwegen sagt man, dass man von Luft und Liebe allein nicht leben kann. Luft und Liebe halten eine Weile und machen viel Freude. Lachs und Würstchen hingegen sind etwas handfestere Sachen.

Lachs und Würstchen. Zwei  konkrete Produkte, Markenprodukte, Symbole für unsere beiden Länder. Logo der Ausstellung. Einfach, genial, appetitanregend.

Lachs und Würstchen. Man assoziiert Essen, Küche, zufriedene Kunden, Handel, Wirtschaftszweige, Unternehmen, Land- und Fischereiwirtschaft. Unsere beiden Länder- nicht „en miniature“, sondern auf einem Teller,  ein Leckerbissen. Aber auch Lachs und Würstchen reichen auf  Dauer nicht aus. Wir brauchen zusätzlich Freundschaft. Kontakt und Verständnis zwischen den Menschen. Ja, wenn wir auf alle vier Dinge setzen könnten: Luft, Liebe, Lachs und Würstchen – dann wäre die Welt ein besserer Ort. Und Norwegen und Deutschland – wir können es so haben. Auf diese Weise haben wir zusammen unsere neuere, gemeinsame Geschichte geformt. So haben wir uns Inspiration in den langen Linien der Geschichte gesucht – schwierige Jahre überwunden und einen neuen modernen Weg gefunden – den Weg der Freundschaft.

Aber heute Nachmittag haben wir Appetit auf mehr, wollen mehr lernen. An der norwegisch-deutschen Theke gibt es mehr als Lachs und Würstchen, denn das Leben besteht ja bekanntlich aus mehr als Essen

Ich möchte einige Worte über Freundschaft sagen.

Ich möchte die Behauptung wagen – und die ist nicht besonders aufsichtserregend – aber dennoch: Die engen, hundertjährigen (und noch viel längeren), norwegisch-deutschen Verbindungen  bestehen aus hunderten – tausenden – von norwegischen Jugendlichen, Studierenden, Forschern, Geschäftsleuten, Handelsreisenden, Kulturschaffenden und Sportlern, die ihren Weg hierher gefunden haben. Die vielen Musiker, Künstler, Ärzte und Zahnärzte, Architekten, Ingenieure, Theologen, Fußballtrainer und so weiter – viele, viele Gruppen der norwegischen Gesellschaft haben hier ihre Ausbildung genossen, praktische Erfahrung gesammelt und hier gelernt. Genau das: Gelernt.

Ihr Referenzrahmen ist deutsch, sie können die Sprache, sie haben Freunde, Kollegen und Kontakte. Dadurch werden ein Band geschaffen, Verbindungslinien, ein ganzes Wissensnetz – ein Netz, das den Rahmen schafft für diese große norwegisch-deutsche Gemeinschaft.

Dieses Netz besteht auch aus den vielen norwegischen Touristen, die nach Deutschland reisen und den deutschen Touristen, die Jahr  für Jahr in ihre Sommerhäuser, zu ihren Angelplätzen und Berghütten in  Norwegen zurückkehren. Über eine halbe Million deutsche Touristen besuchen jährlich Norwegen.

Außenpolitik zwischen Nationen zu führen, heißt, solche Kontakte und Erfahrungen auf der persönlichen Ebene als Grundlage zu nehmen und darauf weiter aufzubauen.

Als Außenminister lege ich auf das Verhältnis Norwegens zu unseren europäischen und nahen Alliierten großes Gewicht. Zu den Freunden unseres Landes. Denn Norwegen will seiner Freunde Freund sein.

Deutschland ist ein solcher Freund – kulturell, technologisch, wirtschaftlich und politisch. Ein enger Freund, von dem Norwegen abhängig ist. In unserer globalisierten Welt aus gegenseitigen Beziehungen. Vertrauen. Und Deutschlands Außenminister ist auch ein Freund geworden, der Interesse zeigt – der erreichbar ist und auf die engen Beziehungen zu seinem norwegischen Nachbarn im Norden baut.

Ja, Deutschland ist ein Nachbarland.

Und diese Ausstellung erzählt viel über die Breite, Tiefe und nicht zuletzt die Stärke dieser norwegisch-deutschen Freundschaft. Sie fordert auch einige unserer gegenseitigen Vorurteile heraus, und sie regt den Appetit an, auf abwechslungsreichere Kost, eben nicht nur Lachs und Würstchen.

Lassen Sie mich einige Beispiele herausgreifen.

Politisch: Die politischen Verbindungen waren gut – sie sind es – und sie werden es bleiben. Sie sind wichtig, sie sind persönlich. Mein Kollege, Frank Walter Steinmeier, und die Gespräche die wir geführt haben – auch am heutigen Tag – bestätigen dies, und er hat sich in Rekordzeit – und mit gewohnter deutscher Gründlichkeit – beeindruckende Kenntnisse über Norwegen angeeignet. Systematisch, strategisch. Und weiter nördlich als er kann man auch nicht kommen, auf jeden Fall nicht auf dem norwegischen Festland, als bis Hammerfest, das wir vor einem halben Jahr gemeinsam besucht haben, einige Flugstunden von Oslo entfernt. Der Bau des sich im Besitz von Statoil befindlichen LNG-Terminals für die Übernahme  von Gas auf der Insel Melkøya durch die Firma Linde zeigt die norwegisch-deutsche Zusammenarbeit in der Praxis. Hochtechnologisch.

Ein ganz anderes Beispiel – unsere gemeinsamen Sicherheitsherausforderungen: In Afghanistan oder jetzt im Libanon stehen – und segeln – norwegische und deutsche Soldaten Seite an Seite. Ich habe es selbst am Dienstag im Hafen von Beirut an Bord einen Marine-Fahrzeugs gesehen. Und in Afghanistan wird die Polizei des Landes von Norwegern und Deutschen ausgebildet. Jetzt arbeiten wir weiter eng zusammen, um dem Wiederaufbau der afghanischen Gesellschaft einen neuen Schub zu geben. Und Herr Kollege Steinmeier und ich möchten auch einen weiteren Punkt auf die Tagesordnung setzen und zu weiterem Fortschritt bei der internationalen Abrüstung beitragen.

Ein anderes Beispiel – Wirtschaft, Handel: Deutschland ist Norwegens wichtigster Handelspartner.

Jede 10. Krone, die wir im Außenhandel verdienen, kommt von hier. Beinahe ein Drittel der deutschen Gasversorgung kommt aus Norwegen. Also: Jede dritte Mahlzeit in deutschen Küchen wird mit norwegischem Gas gekocht. Man könnte fast sagen, jede dritte Wurst! Hier liegt einiges an Macht und Einfluss. Durch Lachs und Würstchen!

Und Deutschland ist Norwegens zweitgrößte Importland nach Schweden.

Mit der Wiedereröffnung des norwegischen Generalkonsulates in Hamburg vor knapp einem Monat haben wir einen neuen Brückenkopf für eine verstärkte Zusammenarbeit bekommen.

Und dann – Kultur, die eigentliche Grundlage, der Nährboden für so viele der anderen Kontakte, für die politischen Bande, Industrie- und Handelsverbindungen. Weil kulturelle Zusammenarbeit – wie wir wissen – nicht nur schmückendes Beiwerk ist, das Glanz über die Verbindungslinien wirft. Die kulturelle Gemeinschaft ist das Grundgerüst.

Und die kulturellen Beziehungen haben lange, starke Traditionen – und noch wichtiger – sie werden die ganze Zeit erneuert. Und sie halten. Diese große Ausstellung zeigt es. Und das Begleitbuch zur Ausstellung zeigt es ebenfalls – ja, dieses Buch ist eine beeindruckende Arbeit für sich und wird als Referenzliteratur genutzt.

Kulturzusammenarbeit kann nur auf gegenseitigem Verständnis fußen, einschließlich dem Verständnis für Ungleichheiten, und durch die letzten hundert Jahre musste sie auch Zeiten mit dunklen Schattenseiten, Entfremdung und Faschismus überleben. Auch diese Seiten, Krieg und Besatzung, haben in der Ausstellung ihren richtigen Platz. Und den müssen sie haben.

Heute ist Deutschland Inspirationsquelle, ein Land in das man reist und zu dem man hinauf sieht, Aufenthaltsort, Kontakt und  Wohnhaft nicht zuletzt für norwegische Künstler und Kulturschaffende. Für einige Wochen – manchmal für Jahre– und andere wiederum kehren gar nicht nach Norwegen zurück. Berlin zieht mehr norwegische Kulturschaffende an als jede andere Stadt in der Welt.

Denn die deutsche Kulturszene ist international, dynamisch und offen für das Neue, Unbekannte, ein richtiger Schmelztiegel. In Frankfurt und Leipzig kommen norwegische Verlage mit neuen Buchtiteln, in Lübeck werden Filme gezeigt – erst letztes Wochenende wieder während der Filmtage – und auch hier in Berlin, in Europas Mitte, finden wir norwegische Kunst auf den Bühnen und in den Galerien, egal ob wir von Jon Fosse, Olav Christopher Jensen, Yngve Zacharias, Ingmar Dragset, Lars Ramberg, Erlend Øye, Kaisers Orchestra, Røyksopp oder Turboneger sprechen. Ja, es reicht wirklich eine bunte Linie von I.C. Dahl, über Edvard Munch und Olaf Gulbransson  und Generationen weiter nach vorn, wo wir immer wieder den Großteil der norwegischen Kulturszene aufzählen können, als Beispiel dafür, wer tatsächlich seinen Wohnsitz in Deutschland gehabt hat. Vor 1905 und auch länger davor war Henrik Ibsens Standort und Schreibwerkstatt Deutschland – mit scharfem Blick und noch schärferer Feder schrieb er gegen Norwegen und die Norweger – gegen Doppelmoral, Korruption, Kleinlichkeit und Unfreiheit. Heute wird der internationale Ibsen auf den deutschen Bühnen erneuert, und Ostermeiers Inszenierung von „Hedda Gabler“ und „Nora“ an der Schaubühne sind dafür bestes Beispiel.

„Es geht um die Menschen“ – heißt Thorvald Stoltenbergs Autobiographie. Thorvald war einer der Baumeister der deutsch-norwegischen Freundschaft. Er – und so viele andere – holten sich Inspiration von einer anderen überragenden Persönlichkeit – Willy Brandt. Kein anderer Name könnte ein besserer gemeinsamer Nenner für das bilaterale Verhältnis sein als Brandt. Willy Brandt eroberte die Herzen der Norweger und gab Deutschland für uns ein neues Gesicht. Für mich – für meine Generation der 60er Jahre – war das Bild des deutschen Bundeskanzlers im Dezember 1970, kniend vor dem Mahnmal im jüdischen Ghetto in Warschau, ein aufrüttelndes Zeichen, dass wir in einem Europa der Veränderung leben. Das Bild bleibt ein  Ausdruck größter Staatsmannskunst, Mitmenschlichkeit, Wiedergutmachung und Versöhnung und dem Wunsch, voranzugehen.

Die in Norwegen geborene Rut (Brandt) war ein Bindeglied zwischen unseren beiden Ländern und es bedeutet mir viel, dass Peter (Brandt) in dieser Tradition heute hier anwesend ist.

Es ist mir daher eine große Freude, heute den Willy-Brandt-Preis an drei Schulen überreichen zu dürfen, die sich aktiv für die Förderung des Unterrichts in deutscher und norwegischer Sprache eingesetzt haben. Wissen ist der Schlüssel zum Verständnis. Sprache ermöglicht Kontakte, Kulturkompetenz und Freunde. Und auf die Jugend kommt es an.

Zum Schluss, liebe Freunde, diese Ausstellung ist von Menschen gemacht, mit Wissen und Engagement und mit soliden Institutionen im Rücken und finanzieller Unterstützung im Gepäck. Ein spezieller Dank geht an das Norwegische Technische Museum und Hans Weinberger, Anne Riddervold und Sonja Wiik, die die Ausstellung produziert haben; an Prof. Rainer Irtz, der sie den deutschen Verhältnissen angepasst hat; ein großer Dank an Helga Hernes und Wolfgang Brost, an Prof. Bernd Henningsen, der ein Geburtshelfer der Ausstellungsidee war und der das Begleitbuch redigiert hat, und an Prof. Jan Brockmann für die künstlerische Begleitung. Ein großer Dank geht auch an das Auswärtige Amt in Deutschland und die Hauptpersonen, die ihre helfende Hand über diese Ausstellung gehalten haben. Diese Ausstellung, die in Norwegen und Deutschland gezeigt wird und eine der Hauptveranstaltungen der Feierlichkeiten zur 100jährigen Selbständigkeit darstellt.

Ein großer Dank gilt natürlich auch den Sponsoren – und hier an erster Stelle Siemens, Color Line, Statoil und RWE – und zu allerletzt – vielen Dank an Prof. Joachim Kallinich und seine tüchtigen Mitarbeiter im Museum für Kommunikation, die diese Ausstellung so herzlich entgegengenommen haben.


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