Premierminister Norwegens, Jens Stoltenberg. 
Foto: Petter Foss/MFA Norway.Premierminister Norwegens, Jens Stoltenberg. Foto: Petter Foss/MFA Norway

Premierminister Jens Stoltenbergs Rede zum internationalen Holocaust Gedenktag

Letzte Aktualisierung: 30.01.2012 // Premierminister Jens Stoltenberg hat am 27. Januar 2012 in Oslo eine Rede anlässlich des Holocaust-Gedenktages gehalten. Er mahnt zur Wachsamkeit gegen antisemittische Tendenzen und thematisiert auch die Verantwortung Norwegens.

Der volle Text der Rede, wie sie bei der Gedenkveranstaltung gehalten wurde.

Sehr geehrte Damen und Herren,
in diesem Jahr ist es 70 Jahre her, seit die «Donau» von dieser Anlegestelle zur Reise der Schande in See stach.
532 Juden waren brutal an Bord zusammengepfercht.
Nur neun kehrten zurück.
Einer von ihnen war Samuel Steinmann. Er ist der letzte Überlebende der "Donau".
Ich bin besonders froh, dass Sie heute hier mit uns zusammen sind.
Heute gedenken wir der Millionen Unschuldigen, die beim grausamsten Völkermord der Geschichte ausgelöscht wurden.

Wir gedenken all den norwegischen Juden, die ermordet wurden.
Wir gedenken dem Roma-Volk, den körperlich Behindeten, den Homosexuellen und anderen Opfern des bösartigen Hitler-Regimes.
Der Holocaust wird für immer die Menschheitgsgeschichte entehren.
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Am Donnerstag, dem 26. November 1942 kam der Holocaust nach Norwegen.
Eine der vielen, die an diesem Tag verhaftet wurden, war Ruth Maier.
Ihre Geschichte ist dank Gunvor Hofmo und Jan Erik Vold bekannt.
Im Morgengrauen des 26. November stampften schwere Stiefel im Studentenwohnblock ”Engelsheim” in Oslo die Treppe hinauf.
Kurze Zeit später sahen die beängstigten Freundinnen, dass das schmächtige jüdische Mädchen aus der Tür im Dalsbergstien 3 geführt wurde.
Der letzte flüchtige Blick von Ruth Maier war zu sehen, als sie von zwei kräftigen norwegischen  Polizisten in ein schwarzes Auto gestoßen wurde.
Fünf Tage später war die 22-Jährige tot.
Ermordet in der Gaskammer in Auschwitz.
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Glücklicherweise ist es eine menschliche Eigenschaft, aus unseren Fehlern zu lernen.
Und es ist nie zu spät.
Über 50 Jahre nach dem Krieg legte das Storting eine kollektive und individuelle Anspruchsregulierung  der wirtschaftlichen Liquidierung vor, der die norwegischen Juden ausgesetzt waren.
Das Ergebnis war eine moralische Akzeptanz der staatlichen Verantwortung für die Handlungen, die während des 2. Weltkrieges gegenüber den norwegischen Juden verübt worden sind.
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Was mit den Verbrechen an Ruth Maier und den anderen Juden?
Die Tötungen sind zweifelsohne das Werk der Nationalsozialisten.
Aber es waren Norweger, die die Verhaftungen vornahmen.
Es waren Norweger, die die Autos fuhren.
Und es geschah in Norwegen.
Im Verlauf des Krieges wurden 772 norwegische Juden und jüdische Flüchtlinge verhaftet und deportiert.
Nur 34 überlebten.
Ohne den Nationalsozialisten die Verantwortung zu nehmen, ist es aber auch an der Zeit, zu sehen, dass die Polizei und andere Norweger an den Verhaftungen und der Deportation von Juden beteiligt waren.
Ich finde es richtig, heute unser tiefes Bedauern darüber auszudrücken, dass dies auf norwegischem Boden geschehen konnte.
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Ebenso wichtig, wie zu bedauern, ist es zu lernen.
Und noch wichtiger:
Uns zu verpflichten, die Einstellungen und Handlungen zu bekämpfen, die uns von Anständigkeit und Zivilisation wegleiten.
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70 Jahre danach schmerzt es mich, zu sagen, dass die Ideen, die zum Holocaust führten, immer noch leben.
In der ganzen Welt sehen wir, dass einzelne Personen und Gruppen Intoleranz und Furcht verbreiten.
Sie verehren gewalttätige Ideologien, welche zum Antisemitismus und Hass gegen Minderheiten führen können.
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Auch norwegische Juden berichten, dass sie in Angst leben.
In der Zeitung ”Vårt Land” lesen wir, dass einige unserer jüdischen Mitbürger sich davor fürchten, sich als Juden erkennbar zu zeigen. 
So wollen wir es in Norwegen nicht haben.
Niemand soll seinen Glauben, seine kulturelle Identität oder Veranlagung verstecken müssen.
Jeder einzelne Mensch ist gleich viel wert.
Alle haben die gleichen Rechte.
So, und nur so, soll es in Norwegen sein.
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Natürlich kann es verlockend sein, sich von dem Unbehagen abzuwenden, 
die sich anbahnenden Zeichen der Boshaftigkeit zu übersehen.
Aber dazu haben wir kein Recht.
Da versagen wir als Menschen.
Da sind wir uns selbst untreu.
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Stattdessen wollen wir uns einander versprechen, totalitären Verführungen mit Standhaftigkeit zu begegnen.
Wir wollen dagegen mit dem unerschütterlichem Glauben an Humanität und Gleichwertigkeit argumentieren.
Es ist eine Verantwortung, die jedem Einzelnen von uns obliegt, im Licht unseres Wissens deren Einstellungen heraus aus dem Dunkel zu treiben.
Von Bedrohungen und Gewalt gefährdete Gruppen zu schützen, ist ein Auftrag für die Gesellschaft.
Das Ziel ist das gleiche:
Es soll sicher sein, Jude in Norwegen zu sein.
Niemand – kein Mensch, keine Minorität – soll hier im Land in Angst leben müssen.
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


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