Die deutsch-norwegische Energiepartnerschaft hat sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt. Deutschland importiert rund ein Drittel seines Bedarfs an Erdgas aus Norwegen. Beide Länder setzen sich für den Ausbau der europäischen Stromnetze ein, um die Energieversorgung in der EU zu sichern. Künftig möchte man außerdem bei der CCS-Technologie (Verfahren zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid) zusammen arbeiten.
Norwegen und Deutschland haben vor kurzem wichtige Weichestellungen im Energiebereich getroffen. Zwei bilaterale Arbeitsgruppen befassen sich künftig mit der Integration der Stromnetze und mit der CCS-Technologie und ermöglichen somit eine verstärkte Zusammenarbeit. Im Juni dieses Jahres hat die norwegische Regierung ein Weißbuch zur Petroleumförderung herausgegeben und erläutert, wie sich noch für lange Zeit auf hohem Niveau Erdgas produzieren wird. Des Weiteren ist der gemeinsam mit Schweden vereinbarte Zertifikate-Markt für Strom eine bedeutende Maßnahme, die neue Investitionen im Bereich der erneuerbaren Energieprodutkion anregen soll. Durch das neue Zertifikatsystem sollen bis 2020 in Norwegen und Schweden insgesamt 26,4 TWh Energie aus erneuerbaren Quellen produziert werden.
Die Bundesregierung hat mit dem Energiekonzept einen langfristigen Plan für den Umbau der Energieversorgung in Deutschland auf den Weg gebracht. Zusammen mit dem im Juli verabschiedeteten Energiepaket beschreibt das Energiekonzept den Weg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien. Bis 2050 soll der Hauptteil der Energie in Deutschland aus Erneuerbaren Energien stammen. Dabei sollen die Treibhausgasemissionen um mindestens 80 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden. Nach dem schweren Reaktorunglück in Fukushima will Deutschland bis spätestens Ende 2022 alle Kernkraftwerke in Deutschland abschalten. All dies ist ambitioniert und verlangt eine tief greifende Modernisierung der deutschen Energiewirtschaft. Neben dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien steht dabei in den nächsten Jahren insbesondere der Ausbau der Energieinfrastruktur im Mittelpunkt. Es müssen die notwendigen Stromnetze gebaut werden, um den Strom aus Erneuerbaren Energien in die Verbrauchszentren zu transportieren. Zudem sind neue hochflexible Kraftwerke (z.B. Gaskraftwerke) sowie neue Energiespeicher für Deutschland notwendig.
Deutschland und Norwegen besitzen auf Langfristigkeit angelegte Lieferbeziehungen in der Gasbranche. Damit sichert man die Rentabilität der erforderlichen hohen Investitionen der Produzenten. In einem liberalisierten und sich schnell ändernden Gasmarkt gilt es, die Interessen von Verkäufern und Käufern gleichberechtigt zu berücksichtigen.
Fast die gesamte norwegische Stromproduktion stammt aus der wertvollen Ressource Wasserkraft. In trockenen und kalten Jahren, die mit niedriger Stromproduktion einhergehen, ist die norwegische Stromproduktion jedoch störungsanfällig. Daher sind Auslandskabelverbindungen für Norwegen wichtig, um die Stromversorgung zu sichern. Für Deutschland stellt dagegen der umfassende Ausbau von Windstrom eine große Herausforderung dar, da er nicht immer verbrauchskonform produziert werden kann. Norwegen hat die größten Wasserspeicher in Europa, die eine Anpassung der variablen Stromproduktion ermöglichen. Durch eine Vernetzung beider Stromsysteme könnte also die Versorgungssicherheit in beiden Ländern stark verbessert werden. Es existieren bereits Pläne für eine Stromkabelverbindung zwischen Deutschland und Norwegen. Die Etablierung neuer Verbindungskabel zwischen Staaten ist jedoch ein zeitaufwendiger Prozess, zu dem auch ein robuster Netzausbau an Land gehört. Die von uns eingerichteten Arbeitsgruppen sollen die entsprechenden Kontakte zwischen unseren Ministerien stärken und unter anderem untersuchen, wie das norwegische und deutsche Stromsystem im beiderseitigen Nutzen zusammenwirken können.
Die hervorragenden Energiebeziehungen Deutschlands und Norwegens spiegeln sich in unserer Zusammenarbeit in multilateralen Foren wider. So hat Deutschland im Juli von Norwegen den Vorsitz im Ostseerat übernommen. Im Mai 2012 findet in Berlin die zugehörige Energieministerkonferenz der Ostseeanrainerstaaten statt, auf der wir wieder zusammentreffen werden.
Dr. Philipp Rösler und Ola Borten Moe