Berlin

Das offizielle Norwegen in Berlin
Es ist schwierig, die Beziehungen Norwegen zu Berlin als Stadt und Bundesland und die politischen Beziehungen zwischen Norwegen und Berlin als Deutschlands Hauptstadt zu trennen. Die erste norwegische Vertretung in Deutschland wurde im Jahr 1905 eröffnet, als eine der fünf ersten norwegischen Auslandsvertretungen nachdem Norwegen 1905 ein unabhängiger Staat geworden war. Davor war Norwegen bis 1814 in Union mit Dänemark und dann mit Schweden und hatte keine eigenen Auslandsvertretungen. Schweden/Norwegen hatte aber nach der Reichseinigung 1871 diplomatische Beziehungen mit Deutschland etabliert, und einzelne norwegische Beamte waren an der schwedisch-norwegischen Vertretung in Berlin stationiert, darunter Michael Lie, der 1905 der erste norwegische Chargé d’ Affairs wurde.

Die norwegische Vertretung in Berlin war bis zur deutschen Besetzung Norwegens am 9. April 1940 tätig. Zu Beginn wurde die Vertretung vom Hotel Windsor aus betrieben, später erhielt sie ein Haus in der Alsenstr. 2. Im Jahr 1940 war die norwegische Vertretung gerade im Begriff, in ein neues Gebäude in der Rauchstr. 11 umzuziehen, nicht weit vom heutigen nordischen Botschaftskomplex. Jetzt wurde aber auch Norwegen vom Krieg eingeholt, was einen vorläufigen Stopp der offiziellen norwegischen Präsenz in Berlin mit sich führte. Während des Krieges wurden die Interessen der norwegischen Regierung, die sich jetzt im Exil in London befand, von der Vertretung Schwedens in Berlin wahrgenommen. Gleichzeitig hatte von deutscher Seite das Reichskommissariat Norwegen die Verantwortung für den Kontakt zwischen den deutschen Zentralbehörden und dem, was die Deutschen jetzt als das norwegische Gebiet im großdeutschen Reich ansahen.

Nach dem Krieg nahm Norwegen wieder normale diplomatische Beziehungen mit Deutschland auf. In dem alten Botschaftsgebäude in der Rauchstr. 11 hielt sich zuerst die Norwegische Militärmission auf, weil sich die Botschaft in West-Deutschland in Bonn befand. Nachdem die Militärmission geschlossen wurde, blieb das Gebäude über viele Jahre unbenutzt und renovierungsbedürftig stehen. Die norwegische Botschaft in der DDR wurde in der Otto-Grotewohl-Str. (heute Wilhelmstr.) in Ost-Berlin errichtet und nach dem Fall der Mauer geschlossen. Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurde in der Rauchstr.11 das norwegische Generalkonsulat errichtet. 1999 zogen die Angestellten des Generalkonsulats gemeinsam mit den Angestellten der Botschaft in Bonn in das norwegische Gebäude im neuen Nordischen Botschaftskomplex in der Rauchstr. 1.

Die nordischen Botschaften in Berlin sind einzigartig. An keinem anderen Ort in der Welt ist es geglückt, die Botschaften aller nordischen Länder an einer Stelle anzusiedeln. Durch vereinte Anstrengungen hat man heute einen hochmodernen und multifunktionellen Botschaftskomplex, der zu einer beliebten Attraktion in Berlin geworden ist. Durch verschiedene Veranstaltungen in den Räumlichkeiten der Botschaft und an anderen Orten in Berlin arbeitet die Botschaft daran, Norwegen in der deutschen Hauptstadt sichtbar zu machen. Unter den beliebtesten Initiativen ist die jährliche Übergabe eines Weihnachtsbaumes aus dem norwegischen Drøbak auf dem Pariser Platz, vor dem Brandenburger Tor.

Norweger in Berlin
Die inoffiziellen Beziehungen zwischen Norwegen und Berlin waren und sind so stark und abwechselungsreich wie die formellen. Berlin ist seit Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebter Aufenthaltsort für norwegische Künstler, Intellektuelle und Studenten. So bekannte norwegische Kulturpersönlichkeiten wie Edvard Munch, Bjørnstjerne Bjørnson und Henrik Ibsen haben alle in Berlin gewohnt, der Stadt, die Ausgangspunkt für ihren internationalen Durchbruch war. Auch Oda und Christian Krogh, Lillebil Ibsen, Arne Garborg und Gustav Vigeland lebten seinerzeit in Berlin und verkehrten im Milieu rund um die Kneipe ”Zum schwarzen Ferkel” Unter den Linden. Andere, wie z.B. Edvard Grieg, besuchten Berlin mehrmals in Verbindung mit Tourneen. Sein Freund, der Komponist Rikard Nordraak starb 1866 in Berlin und wurde auf dem Jerusalemfriedhof in Berlin-Kreuzberg begraben. Seine sterblichen Überreste wurden später in Norwegen bestattet, aber ein Gedenkstein erinnert noch immer an den Komponisten der norwegischen Nationalhymne. Am 17. Mai legen Vertreter der norwegischen Auslandsstudenten in Berlin einen Kranz am Denkmal in Kreuzberg nieder.

Das Studentenmilieu war in der Zeit zwischen den Kriegen besonders rege. Das aktive norwegische Studentenmilieu hinterließ ein Erbe in Berlin, nämlich den Norwegischen Ruderklub am Stadtrand von Ost-Berlin, gegründet zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Der Ruderklub war zu DDR-Zeiten zu einem Gewerkschaftserholungsheim für ostdeutsche Eisenbahner umfunktioniert worden, aber heute wird er wieder als norwegischer Ruderklub betrieben. Der Ruderklub ist ein beliebter Erholungort und Sammelpunkt für Norweger und norwegeninteressierte Deutsche in Berlin.

Eine besondere Geschichte ist mit dem norwegischen Schriftsteller Nordahl Grieg verbunden, der ein überzeugter Kommunist war und während des Krieges auf der Seite der Alliierten als Offizier und Kriegskorrespondent teilnahm. Im Dezember 1943 erhielt Nordahl Grieg als Korrespondent die Möglichkeit, bei einem britischen Bombenangriff dabei zu sein. Das Flugzeug wurde jedoch von einer deutschen  Fliegerabwehrkanone getroffen, und der Schriftsteller kam zusammen mit der Besatzung des Flugzeugs ums Leben. Ein Teil der Tragfläche des Bombers hängt heute zum Gedenken an den Schriftsteller in der norwegischen Botschaft in Berlin. (Link zu Nordahl Grieg im Portal)

Eine wenig bekannte aber dadurch nicht weniger interessante Tatsache ist, daß norwegische SS-Soldaten unter den letzten auf deutscher Seite Gefallenen in Berlin während des zweiten Weltkriegs waren. Das Regiment "Nordland" bestand in erster Linie aus norwegischen, dänischen und schwedischen Soldaten, die sich während des Kriegs zum Kampf auf deutscher Seite gemeldet hatten. Die meisten dieser Soldaten starben bei einer der letzten Schlachten zwischen sowjetischen und deutschen Streitkräften in Berlin, direkt neben dem Bahnhof Friedrichstraße am 2. Mai 1945.

Kultur
Während des zweiten Weltkriegs und in den darauf folgenden Jahren war Berlin von einem kulturellen Vakuum geprägt, und ausländische (darunter norwegische) Künstler und Kulturpersönlichkeiten suchten die Stadt nicht länger auf. In der Zeit, in der die Stadt geteilt war, war es in erster Linie West-Berlin, das Norweger anzog. Nach Deutschlands Wiedervereinigung ist Berlin jedoch wieder zu einem Treffpunkt zwischen Ost und West und zu einem Kulturzentrum in Europa geworden, und norwegische bildende Künstler, Schriftsteller, Musiker und Schauspieler machen wieder einen großen Teil der norwegischen Kolonie in der Stadt aus. Unter den bekannten Norwegern, die hier leben oder in den letzten Jahren gelebt haben, können wir zum Beispiel die Schriftsteller Dag Solstad, Edvard Hoem, Herbjørg Wassmo und Terje Holte Larsen, die Opernsänger Bodil Arnesen, Turid Karlsen, Tom Erik Lie und Peter Klaveness, die Rockgruppe Madrugada, den Popmusiker Erlend Øye, die bildenden Künstler Yngve Zakarias, Olav Christopher Jenssen, Aage Langhelle und Sissel Tolaas, Mette Tronvoll, Dag Erik Elgin  und viele, viele mehr nennen. Während man früher von einem norwegischen oder nordischen Künstlermilieu in Berlin sprach, ist es wichtig zu betonen, daß heute norwegische Künstler und Kulturpersönlichkeiten vor allem ein Teil einer ständig wachsenden internationalen Kulturszene in der Stadt sind. 

Die norwegische Kirche in Berlin
Seit 1995 ist ein norwegischer Pfarrer der Victoriaförsamlingen angegliedert, die eine Kirchengemeinde mit einem schwedischen und einem norwegischen Teil sowie einem schwedischen und norwegischen Pfarrer ist. Der Pfarrer wird von der norwegischen Seemannsmission entlohnt, die auch eine Kirche und eine Gemeinde in Hamburg hat. Die norwegische Kirche in Berlin arrangiert unter anderem norwegische Gottesdienste jede zweite Woche, Studentenabende, Filmabende, einen Weihnachtsbasar und eine 17.-Mai-Feier. Unterricht in der Muttersprache für norwegische Kinder, die in Berlin wohnen, findet in der Kirche statt, die ein Treffpunkt für alle aus der norwegischen Kolonie in Berlin ist.

Ein norwegisches Gemeindeleben hat seit den 1890er Jahren existiert, und außerdem war im Zeitraum von 1909 bis 1924 ein norwegischer Pfarrer in Berlin. Danach wurde die Gemeinde in Berlin vom Seemannspfarrer in Hamburg betreut, eine Ordnung, die bis zum Jahr 1995 aufrecht erhalten blieb, als Berlin wieder einen norwegischen Pfarrer bekam.

Norwegische Presse in Berlin
Es ist für die norwegischen Medien wichtig, in den großen europäischen Metropolen anwesend zu sein, auch in Berlin, um über politische, wirtschaftliche und kulturelle Begebenheiten, die für das norwegische Publikum von Interesse sind, zu berichten. Die größten norwegischen Zeitungen Aftenposten, VG und Dagbladet haben ständige Korrespondenten in Berlin, andere Medien wie Dagens Næringsliv und TV2 haben Vereinbarungen mit freiberuflichen norwegischen Journalisten, die in Berlin leben, und NRK, der staatliche Fernsehsender, deckt Berlin und den Rest Deutschlands durch seinen Europa-Koressenpondenten in Brüssel ab.

Ausbildung
Auch norwegische Studenten entscheiden sich für Berlin. Seit den 60er Jahren haben  Generationen von norwegischen Physiotherapeuten ihre Ausbildung hier erhalten. Norweger studieren heute an allen vier Universitäten unterschiedliche Fächer, wie zum Beispiel Ökonomie, internationale Politik, Philosophie und kunstfachliche Studienrichtungen. Außerdem studieren auch Deutsche die norwegische Sprache und Literatur an der Humboldt-Universität, wo ein norwegischer Auslandslektor am Nordeuropa-Institut beschäftigt ist. Der norwegische Staat hat eine Heinrich-Steffens Professur an der Humboldt-Universität errichtet, die zurzeit Prof. Dr. Jan Brockmann innehat.

Die Musikfakultät an der Universität der Künste begründete 1993 eine offizielle Zusammenarbeit mit der Musikkhøgskolen in Oslo. Prof. Harald Herresthal wurde 2003 zum Ehrendoktor in Berlin ernannt. Viele norwegische Musiker und bildende Künstler unterrichten an Universitäten in Deutschland. Unter anderem lehrt der in Berlin lebende Olav Christopher Jenssen an der Kunsthochschule in Hamburg.

Am Camille-Claudel-Gymnasium im Prenzlauer Berg wird Norwegisch als Wahlfach angeboten.

Wirtschaft
Die norwegische Wirtschaft hat traditionell an anderen Orten in Deutschland als in Berlin gewirkt. Dies hat historische (Teilung Deutschlands) und geographische (Nähe zum Meer) Ursachen. Deshalb gibt es heute eine geringe Wirtschaftstätigkeit in Berlin. Viele norwegische Unternehmen untersuchen jedoch die Möglichkeit, sich in der deutschen Hauptstadt zu etablieren, und das Potential wird als groß eingeschätzt. Erwähnenswert ist jedoch das einzige norwegische Restaurant in Deutschland, Munch’s Hus in der Bülowstrasse im Stadtteil Schöneberg. Betreiber des Restaurants ist Kenneth Gjerrud, und auf der Speisekarte stehen unter anderem frischer Fisch, Wild und traditionelle norwegische Gerichte wie Fischfrikadellen und verschleierte Bauernmädchen:


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