Interview mit Rebekka Bakken zu ihrem neuen Album „Morning Hours“

Foto: Venetia DeardenFoto: Venetia Dearden

20.10.2009 // Rebekka Bakken ist derzeit unterwegs, um ihr neues Album „Morning Hours“, das am 23. Oktober erscheinen wird, vorzustellen. Das Album wird drei Jahre nach ihrem letzten Album „I keep my cool“ herausgegeben. Von November bis Ende Januar tourt Rebekka mit ihren neuen Songs durch Deutschland.

Rebekka Bakken wurde 1970 in Oslo geboren. In ihrer Jugend wurde ihr Interesse an der Musik durch die örtliche Kirche geweckt. Später arbeitete sie ehrenamtlich für ein norwegisches Jazzfestival, „Kongsberg Jazzfestival“, wo sie Kontakte nach Amerika knüpfte. Im Alter von 24 Jahren brach sie ihr Philosophiestudium ab, um ihre Musikträume in New York zu verfolgen. Jahre später, in 2001, erschien ihr Durchbruchalbum "Daily Mirror", welches in einer Zusammenarbeit zwischen Rebekka und dem österreichischen Gitarristen Wolfgang Muthspiel entstand. Nach diesem durchschlagenden Erfolg hat sie weitere drei Alben veröffentlicht; „The Art Of How To Fall“ (2003), „Is That You?“ (2005) und „I Keep My Cool“ (2006), die alle von der prachtvollen und oszillierenden Stimme der Künstlerin geprägt sind.

In Verbindung mit der Veröffentlichung ihres Albums „Morning Hours“ haben wir mit der charismatischen Sängerin gesprochen:

 

Du hast gesagt, dass die Lieder auf „Morning Hours“ nicht autobiografisch sind. Bis zu welchem Grad fühlst du dich persönlich mit den Liedern verbunden?

Ich fühle mich insofern persönlich mit den Liedern verbunden, weil ich sie durch mein Wesen interpretiere. Ich passe mich Rollen, fiktiven Personen an und stelle mir vor, wie das Leben dieser Personen sein könnte. Dafür benutze ich meine eigene Lebenserfahrung, meine eigene Fantasie und Interpretationen von der Welt, um eine Figur darzustellen.

Wie unterscheidet sich dieses Album von deinen früheren Alben?

Es ist ein Album, in dem die Lieder so geblieben sind, wie ich sie geschrieben habe. Ich fühle, dass es nicht so viel Neues in ihnen gibt. Das ist vielleicht gut.

Was meinst du eigentlich damit?

Es gibt nicht so viele Stile, die die Lieder beeinflusst haben. Du kannst viele verschiedene Farben, Klänge und Stile später einfügen, aber ich fühlte, dass sie dies nicht brauchten. Sie sind ”Down to the roots”, also ohne groβe Veränderungen meiner ursprünglichen Ideen.

Es sind drei Jahren vergangen, seit dem Erscheinen deines letzten Albums. Hast du an diesem Album mehr gearbeitet?

Nein, eigentlich nicht. Es gab andere Gründe dafür. Es dauert einfach so lange wie es dauert. Ich hatte schon ganz lange ausreichend Material für ein neues Album. Dinge passieren wenn sie passieren sollen, und vielleicht sollte es diesmal drei Jahren dauern. Ich gebe sehr viele Konzerte und das nimmt auch viel Zeit.

Basieren die Lieder auf spezifische Ereignisse oder nehmen sie ihren Ausgangspunkt vielmehr in deinem inneren Gefühlsleben?

Das Innere, das Äußere, sie sind eigentlich identisch. Du siehst etwas, und es erschafft ein inneres Gefühl in dir. Du kannst auch ein inneres Gefühl haben, und dann projizierst du es und platzierst es in die wirkliche Welt. Ich beobachte eine Situation, und denke: ”Das war eine merkwürdige Situation. Auf welche Weise kann ich dies in ein Lied transformieren?” Solche Situationen entstehen z.B. in meiner Umgebung, beim Fernsehen, in einer persönlichen Beziehung, die ich habe. Es ist aber sehr selten, dass ich über meine eigenen direkten Erfahrungen schreibe. Ich bin ich, assimiliere aber immer wieder Persönlichkeitszüge, die meinem Charakter fremd sind. Es ist grundsätzlich eine Mischung von vielen verschiedenen Dingen. Es bildet kleine Fiktionsgeschichten.

Womit bist du am meisten zufrieden?

Das ist eine Frage, die schwierig zu beantworten ist. Da wir 18 Lieder hatten, war es fast unmöglich einige Lieder wegzulassen, sodass 15 übrig blieben. Drei mussten raus, und das war sehr schwierig. Es war eine ”Kill your darlings”-Situation. Ich bin insgesamt sehr zufrieden mit den Liedern, eigentlich ein schönes Gefühl.

Dann hast du keinen Favoriten?

Ich habe keinen bestimmten Favoriten. Es gibt zu viele. Bei den anderen Alben könnte ich auf jeden Fall einen oder zwei Favoriten nennen. Aber bei  "Morning Hours” kann ich mich einfach nicht für ein Lied entscheiden.

Womit bist du am wenigsten zufrieden?

Es gibt eigentlich nichts. Das ist das Lustige mit dieser Schallplatte: Ich bin eigentlich mit allem zufrieden. Es gibt so viele Geschichten über Streit zwischen Künstlern, Produzenten und Bandmitgliedern, aber so etwas habe ich noch nie erlebt.

Du hast dieses Album in den USA produziert, während deine drei letzten Alben in Europa produziert wurden. Spürst du einen Unterschied?

Es gibt eigentlich keinen Unterschied. Das Einzige muss das Essen in den Supermärkten sein. (lacht)

Diese Alben sind von vielen Balladen geprägt. War das auch deine Intention?

Ich liebe Balladen und schreibe auch sehr viele Balladen, weil ich sie einfach schön finde. Aber das Album enthält nicht nur Balladen, sondern auch einige mehr “up-tempo” Lieder. Ich versuche aber immer die perfekte Ballade zu schreiben, und ich fühle immer, wenn ich eine fertig geschrieben habe, dass ich es jetzt geschafft habe. Ich möchte nie ganz zufrieden mit meinen Liedern sein, weil ich dann wahrscheinlich nichts mehr habe, worüber ich schreiben könnte.

Hast du ein Thema in deinen Liedern, auf das du immer wieder zurückgreifst?

Schwere Frage -  ich kann viele Parallelen in meinen eigenen Liedern spüren. Ich hoffe, dass ich es immer wieder schaffe, meine Lieder und Texte weiter zu entwickeln, eine neue Perspektive zu alten Themen oder den Inhalt auf eine neue Ebene zu bringen.

Wo gibst du am liebsten Konzerte?

Ich liebe es, in Deutschland zu spielen. Ich mag eigentlich überall zu spielen, aber Deutschland bedeutet etwas Besonderes für mich. Ich habe das deutsche Publikum sehr lieb gewonnen wegen seines hohen Bewusstseinsniveaus in Bezug auf Musik. Sie begrüβen mich auch immer auf eine warmherzige Weise, wir kommunizieren sehr gut miteinander, und darüber hinaus funktionieren auch immer all die technischen Kleinigkeiten.

Vermisst du Norwegen?

Ja, manchmal. Ich war vor einigen Wochen in Norwegen, und ich schätze es als ein fantastisches Land.

Hast du Pläne, wieder nach Norwegen zu ziehen? 

Ich mache nie Pläne. Ich tue immer was ich im Moment für richtig empfinde. Ich habe daran gedacht, und es ist sehr gut möglich, aber gar nicht sicher. Als ich von Norwegen weggezogen bin, dachte ich, dass ich Norwegen nie vermissen würde. Es war so schön, eine gewisse Art von Anonymität zu haben. Das ist in einem kleinen Land wie Norwegen schwierig zu erreichen. 

Wie wurdest du von negativer Kritik beeinflusst?

Ich lernte ganz früh mit Kritik umzugehen. Als ein junges Mädchen in New York bekam ich von vielen Menschen viele Komplimente. Ich fühlte mich dann sehr wohl, aber gleichzeitig haben mich diese Erlebnisse erschrocken. Wenn Komplimente dazu führten, mich in so einen positiven Zustand zu versetzen, wie würde ich dann auf negative Kritiken reagieren? Ich entschied mich deswegen dafür, mein Selbstwertgefühl von Kritiken, gleich ob sie positiv oder negativ waren, nicht abhängig zu machen. Mein innerer mentaler Zustand ist jetzt unabhängig von äuβeren Einflüssen wie Presse oder Kritiken.
Meinungen sind unwichtig. Es ist aber ein Gewöhnungprozess, und ich musste lange trainieren, um nicht von der Presse beeinflusst zu werden. Es ist merkwürdig, aber wenn du dich nicht von den Meinungen anderer Menschen kontrollieren lässt, dann bekommst du auch insgesamt weniger Kritik. Das finde ich interessant.
Ich bin immer meine eigne Kritikerin. Manchmal kann ich eine gute Kritik für ein Konzert bekommen, gleichzeitig aber sehr unzufrieden mit meiner eigenen Performance sein.

Bist du eine Perfektionistin?

Nein, aber ich mag es, das Leben in jeder einzelnen Zelle im Körper zu spüren. Ich brauche dieses Gefühl, wenn ich Musik machen soll.

Mit wem willst du am liebsten arbeiten?

Ich arbeite bereits mit denjenigen, mit denen ich arbeiten will. Das habe ich immer gemacht. Wenn ich mit jemand spielen möchte, dann mache ich es - insofern sie mit mir spielen wollen.

Was sind jetzt deine weiteren Pläne?

Jetzt werde ich dieses neue Album promoten und damit auf Tournee gehen. Ich habe bereits mit meinem nächsten Album angefangen. Einige Lieder habe ich schon geschrieben, und ich freue mich darauf, weiter zu machen. Es macht echt Spaβ!

 

Quelle:  Kgl. Norwegische Botschaft / Ole Marius Dahl 

 

 

 

   

 

 

  

Quelle: Omda@mfa.no   |   Anteil in Ihrem Netzwerk   |   print