Interview mit Matias Faldbakken

Die Lesetour von Matias Faldbakken wurde am Freitag mit einer Lesung im ”General Republic” abgeschlossen. Sollte man die Menschenmenge, die zur Lesung gekommen war, als Indikator für die Popularität Faldbakkens sehen, ist er in Deutschland einer der beliebtesten norwegischen Schriftsteller.

Im “General Public“ drängten die Leute sich schon eine halbe Stunde vor der Lesung in dem kleinen Zuschauerrraum. Alle waren gekommen um eine Lesung von Matias Faldbakken zu erleben, wobei Faldbakken bei seinen Lesungen nie selbst liest. Faldbakken ist für seine provokativen Romane bekannt und beliebt, oftmals agieren die Charaktere bestialisch, ohne Gewissen und Moral, wie auch in „UNFUN“, in dem die Protagonistin lächelnd Ihre Kinder ermordet .

„UNFUN“, das nach "The Cocka Hola Company" und "Macht&Rebel" jüngst als drittes ins Deutsche übersetzte Buch von Matias Faldbakken, wurde erstmals auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse präsentiert . Mit "UNFUN" ging Faldbakken nun auf eine Lesetour, die er dieses Wochenende in Berlin abschloss.

Lesung von "UNFUN" im General Republic. Foto: Frank Warmbrodt Viele haben den Weg ins General Republic gefunden. Foto: Frank Warmbrodt

„UNFUN“ erzählt die Geschichte einer anarchistischen Norwegerin afrikanischer Abstammung, Lucy, die als Kind adoptiert wurde. Lucy ist mit dem Gewalt-intellektuellen Slaktus zusammen und bekommt als Teenagerin drei Kinder mit ihm, nur zwei werden aufwachsen. Slaktus arbeitet an einem „First Person Splatter“-Game und bezieht die ganze Familie sehr ins Projekt ein, vielleicht zu sehr. Die Geschichte endet mit einem nervenzerreißenden, bluttriefenden Rachefeldzug. Aber trotz der Brutalität spürt man immer das schallende Gelächter des Opfers im Hintergrund.

Ingeborg Helleberg und Frank Warmbrodt von norwegen.no trafen Faldbakken nach der Lesung zu einem kurzen Interview über seine Literatur sowie das Verhältnis zu Deutschland und dem deutschen Publikum.
Wir waren vor dem Interview ein wenig unsicher, fast ängstlich, den Mann hinter diesen brutalen Büchern zu treffen. Als er uns dann in den dunklen Hinterhof einlud, schlug unsere letzte Stunde, glaubten wir …  Aber nach einer Weile hatten sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und wir fragten, was wir auf dem nicht mehr so schnell klopfenden Herzen hatten:

-Warum gibt es in Ihrer Literatur so viel Gewalt und Brutalität?

Bild einer Präsentation des Buches. Foto: Frank WarmbrodtVideoinstallation "UNFUN". Foto: Frank Warmbrodt

Matias Faldbakken lacht schräg im dunklen Hinterhof.

- Ich stelle die Werte auf dem Kopf und verzerre die Dinge, provoziere indem ich zu den Fragen als Erzähler nicht Stellung nehme. Tabus werden herausgefordert, durch die Verdrehung des ursprünglichen sozialen Konsensus'.

Nach der ersten Frage lockert sich die Stimmung, und wir können uns dem eigentlichen Thema des Interviews zuwenden, wie seine Literatur in Deutschland aufgenommen wird und ob ein Unterschied zwischen den norwegischen und den deutschen Lesern besteht.

-In einem Interview haben Sie gesagt, dass Ihre Literatur ein Ausdruck einer Idee ist, die konkrete Form der Idee. Die Sprache ist Teil der Form, wie ist es dann Ihre eigenen Texte auf Deutsch zu lesen? Verändert die Übersetzung die Intention im Buch?

-Ich habe mein Buch auf Deutsch nicht gelesen, ich lese meine Bücher selten, nachdem ich Sie geschrieben habe. Aber ich mag es manchmal „Macht und Rebel“ aufzuschlagen, weil das Buch auf jeder Seite eine negative Pointe hat.
Ich habe das Gefühl nicht länger die Kontrolle über den Text zu haben. Bei meiner Kunst weiß ich eher, wie sie beim Publikum ankommt, ob in Norwegen oder in Deutschland, weil das Kunstmilieu ähnlich ist. Bei meinen Bücher ist das völlig anders; Wie die Geschichten bei dem Publikum ankommen, ist unvorhersehbar, und mit einer Übersetzung vergrößert sich diese Unsicherheit. Besonders ins Deutsche, weil ich die Sprache nicht richtig beherrsche. Es ist eigentlich ein komisches Gefühl, die Kontrolle über den Text zu verlieren.

-Im Buch „UNFUN“ wechseln Sie oft die Sprache zwischen Norwegisch und Englisch, wie hat das die Übersetzung ins Deutsche beeinträchtigt?

-In der norwegischen Unterhaltungsindustrie gleiten die beiden Sprachen ineinander über. In Deutschland ist das nicht der Fall. Ich hatte Diskussionen mit dem Verlag darüber, ob Englisch das Buch für einen großen Teil des Publikums unzugänglich machen würde, die meinten, dass es nicht ginge, die duale Sprache zu behalten, aber ich habe darauf bestanden. Ich finde es wichtig für die Beschreibung des norwegischen Medienbildes, die sehr von der englischen Sprache beeinträchtigt wird.

-Ihre Trilogie, die mit ”UNFUN“ abgeschlossen wurde, trägt den Untertitel Skandinavische Misanthropie. Könnte sie gleichermaßen deutsche Misanthropie genannt werden?

Matias Falbakken denkt ein wenig nach, bevor er diese Frage beantwortet.

- Klar ist es nichts besonders skandinavisches oder norwegisches, Menschenverachtung gibt es überall, auch in Deutschland. Ich habe es Skandinavische Misanthtopie genannt, weil die Gesellschaften so gleich sind. Ich habe diesen Ausgangspunkt gewählt, weil ich eben Norweger bin, und die Misanthropie meiner eigenen Kultur beschreiben wollte.

Faldbakkens Bücher dienen auch als Grundlage für Theaterstücke, und er hat außerdem als bildender Künstler mehrere Ausstellungen in Deutschland gehabt.

-In Norwegen wurde Ihre Literatur bisher nicht dramatisiert. Warum, glauben Sie, wird Ihre Literatur hier in Deutschland zu Theaterstücken und Hörspielen?

- Theater ist in Deutschland groß und ein elementares Teil des Kulturbildes in Deutschland. Ich glaube, meine Bücher passen gut in die Theaterlandschaft in  Deutschland. Die Deutschen mögen es, auf der Bühne extrem zu sein, zu schreien und zu brüllen, und sich die Kleider vom Leib zu reißen. In meiner Literatur gibt es genügend Gelegenheit dazu …

- Wie organisieren Sie eigentlich ihre schöpferische Kraft zwischen der bildenden Kunst und der Literatur?

- Wenn ich Ideen habe, die „Snappy“ sind und ein gutes literarisches Konzept bilden, dann verwende ich Sie in meiner Literatur. Die langweiligen und grauen Dinge packe ich in meine Kunst.

- Ist das Publikum bei Ihren Ausstellungen gleichermaßen gemischt, wie hier bei Ihren Lesungen?

-Nein, das Publikum bei den Lesungen ist anders, lockerer und lustiger. Es entstehen Debatten und Diskussionen. Die deutsche Sprache hat einen autoritären Klang und funktioniert gut bei Lesungen, ich mag Lesungen besser auf Deutsch.

Im neuesten Buch, „UNFUN“, ist die Hauptperson eine Afrikanerin, von dem Stamm der IK in Uganda, ein Volk, das über seinen eigenen Untergang lacht. Diese makabre Einstellung zum Leben dient als verfremdendes Element und provoziert den Leser, also war das Thema auch Gegenstand vieler Fragen des Publikums und auch der Repräsentanten des Norwegenportals.

-Der Sozialanthropologe Turnbull hat zuerst von dem Ik-Volk in Uganda berichtet. Er lebte längere Zeit mit dem Ik-Volk zusammen. Sein Bericht ist sehr umstritten. Was war an dem Ik-Volk so interessant?

-Die Geschichte sprach mich sehr an. Lachen wird mit Spaß und Freude verbunden, bekommt aber einen ganz anderen Wert, wenn man über Leiden und Schmerz lacht. Aber das bedeutet auch, dass man nicht immer glücklich sein muss, um zu lachen. Die Dinge werden auf den Kopf gestellt. Wilde Unmenschlichkeit und Gelächter darüber.
-Es war ein Geschenk; ein Volk, das in den Untergang geht, und gleichzeitig darüber lacht, ist absurd. Für mich war das ein sehr interessanter Ausgangspunkt und sehr leicht. Ich brauchte es nicht selbst zu erfinden, daraus entstand dann diese Geschichte.

Im Laufe des Interviews haben unsere Augen sich an die Dunkelheit angepasst, und Matias Faldbakken erscheint uns deutlich. Er wirkt enthusiastisch, was im Laufe des Gesprächs klar ans Licht kommt. Unsere Unruhe vor dem Interview war Matias' angenehmer Freundlichkeit und einer lockeren und fröhlichen Stimmung gewichen.

-Sie wirken persönlich ganz anders als Ihre Literatur, entspannt, glücklich und fröhlich, wieso? Ist Ihr Schreiben eine Form von Therapie?

-Ja, ich erlebe viel Frust und Negativität, und das habe ich in die Literatur gepackt. Ich hole diese Dinge von irgenwo her, aber ich bin auch ab und zu ein fröhlicher und entspannter Typ, sagt Matias mit einem schiefen Lächeln.

-Norwegische Journalisten sind dafür bekannt dumme Fragen zu stellen... Merken Sie einen Unterschied zwischen norwegischen und deutschen Journalisten?
Es ist deutlich am Lächeln Matias’, dass ihm das Phänomen bekannt ist, wir hoffen nur von dieser „Regel“ ausgenommen zu sein.

-Ja, die Deutschen sind besser vorbereitet und haben unter anderem die Bücher gelesen. Sie sind auch dankbarer als ihre norwegischen Kollegen. Es kann aber zu viel werden, wenn sie meine Bücher ins Unerkennbare deuten.

Nach dem Interview mit uns warten noch andere Journalisten auf Matias Faldbakken, und weitere Literaturbegeisterte hoffen auf ein Wort mit dem freundlichen Autor.

-Wir bedanken uns ganz herzlich für Ihre Zeit.

-Kein Problem!


Quelle: Ingeborg Helleberg und Frank Warmbrodt   |   Anteil in Ihrem Netzwerk   |   print