Mit drei Spielfilmen und einem Kurzfilm war der diesjährige Beitragsanteil aus Norwegen zum 53. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg, das vom 18. bis 27. November stattfand, überproportional groß. Schon in der jüngeren Vergangenheit waren norwegische Wettbewerbsfilme beim Filmfestival am Rhein und Neckar ausnehmend erfolgreich gewesen - etwa die Komödie "Elling", die im Zuge des Festivals in Deutschland zum Kino-Hit wurde oder der Episodenfilm "Die meisten Menschen leben in China", der 2002 in Mannheim/Heidelberg gleich mehrere Auszeichnungen erhielt.
Ein norwegischer Film erhielt in diesem Jahr den "Großen Preis von Mannheim-Heidelberg 2004" und gewann damit das beliebte und renommierte Premierenfestival, aus dem bereits Filmgrößen wie Wim Wenders, Rainer Werner Faßbinder, Francois Truffaut und Jim Jarmisch hervorgegangen sind. Das Auswahlkommitee setzt seinen Fokus auf junge Regisseure, die kurz vor dem Sprung in die Öffentlichkeit stehen und künstlerisch anspruchsvoll eine Filmgeschichte auf individuelle Art zu erzählen vermögen.
"Salto, salmiakk og kaffe" (Der deutsche Titel lautet "Wir fliegen zu wenig") von Mona J. Hoel befasst sich mit dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags, der bei allen Unbilden doch auch seine magischen Elemente besitzt. In einer norwegischen Kleinstadt ereignen sich an einem einzigen Tag die unterschiedlichsten Dinge, die am Ende samt ihrer Beteiligten wie Fäden eines einzigen Wollknäuels zusammenlaufen. Eine gestresste allein erziehende Mutter schaut vom Balkon ihres Hochhauses sehnsüchtig einem Mann im Nachbargarten beim Trampolinspringen zu. Ihre Teenager-Tochter hat ein ernst zu nehmendes Drogenproblem. Ein Priester ist frustriert, weil er täglich Leute traut, obwohl die Scheidungsrate bei 70 % liegt, und klagt seinem Thekennachbarn in der Kneipe sein Leid. Maria ist schwanger und wird von ihrem Ehemann in doppelter Hinsicht betrogen. Ihre Schwiegermutter betätigt sich als Drogendealerin und versorgt Jugendliche mit Tranquilizern, die man Senioren bedenkenlos auf rezeptpflichtigem Wege verabreicht. Am Ende bringt Maria ihr Kind zur Welt, wobei ihr ein leibhaftiger Jesus improvisierte Geburtshilfe leistet. Die drogenversierte Schwiegermutter trifft kurz vor dem Exitus ihre Jugendliebe wieder und lässt sich auf dem Sterbebett vom Priester trauen, der im Krankenhaus mindestens dreifach fungiert. Die allein erziehende Krankenschwester begegnet auf der Station auch dem Trampolin springenden Nachbarn, und die Kreise schließen sich über Liebe, Tod, Geburt, Trennungen, Lebenslügen und Neuanfängen.
„Salto, samiakk og kaffe“ ist eine Tragikomödie mit leichtem, humorvollen Blick auf die Abgründe und Widrigkeiten, aber auch die Chancen des Lebens: komprimiert, in dichten, überzeugenden Szenen und mit viel Nähe zu den Figuren ins Bild gerückt. Das Trampolin wird gleichsam zum Symbol einer Sichtweise, die Mutter Gunvor in die Worte fasst: „Wir fliegen zu wenig und putzen zu viel.“ „Für den puren anarchischen Witz, der die Welt Kopf stehen lässt.“, kommentierte die Film-Jury ihre Entscheidung.
Annette Sjursens Komödie „Min misunnelige Frisør“ („Mein eifersüchtiger Friseur“), die in Mannheim-Heidelberg mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, besitzt mindestens ebensoviele schwarz-humorige Elemente wie der Filmbeitrag Mona de Hoels. Während Mona de Hoel bereits zum drittenmal am Filmfestival Mannheim-Heidelberg teilnahm, war Annette Sjursen mit „Min misunnelige Frisør“ erstmalig dabei.
Bent Samuelson führt seit vielen Jahren ein Leben in absoluter Routine: Pflichtgemäß erledigt er seine Arbeit, versorgt abends seinen alten Vater mit dem Abendessen und geht auch immer zum gleichen Friseur, der ihm seit Jahr und Tag stets den gleichen altmodischen Haarschnitt verpasst. Aus einem Impuls heraus setzt sich Bent einer zunächst harmlosen Veränderung aus, die jedoch weitreichende Folgen haben soll: In dem peppigen neuen Friseurladen schräg gegenüber des alten „Frank“ lässt er sich auf zeitgemäße, recht schnittige Weise das Haar stylen – und zwar ausgerechnet zum zehnjährigen Kundenjubiläum bei Frank. Dieser ist völlig empört und beginnt, wie ein abgelegter Liebhaber um seinen letzten Kunden zu buhlen. Franks Konkurrentin ist indes die Aromatherapeutin Susie und nicht der moderne Friseursalon gegenüber, der in Bent nur die lange schlummernde Sehnsucht nach Veränderung auf den Plan rief. Susie ist Bents neue Nachbarin, doch nach einer rätselhaften Amnäsie ist sie so vergesslich, dass sie jede Begegnung mit Bent für die erste hält – ein ewiger Anfang und eine ewige Faszination. Mit einer solchen Frau, das spürt Bent, sind Routine und Stagnation unvorstellbar. Bevor das füreinander bestimmte Paar aber zusammenkommt, muss erst der eifersüchtige Friseur, der Bents Haare über zehn Jahre in großen Säcken gesammelt hat und ihm die Stunden vorrechnet, die dieser in seinem Salon verbrachte, der ihn verfolgt, observiert und gegen die Frau in Bents neuem Leben intrigiert, zur Räson gebracht und versöhnt werden. Susie hat da so ihre Methode, und ein Friseurkongress kann schließlich am Ende die Dinge ins Lot bringen. „Für die Regie, die eine überraschende Kombination aus Herz, schwarzem Humor und Haareschneiden bietet.“, fasste die Jury zusammen.
„Alt for Egil“ („Das ist das Lied für dich“) war der dritte norwegische Spielfilmbeitrag beim diesjährigen Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Regisseur Tore Rygh ist Leadsänger der norwegischen Band „Bever“ aus Stavanger, und aus dieser Nähe zur Popmusik entstanden die Musical-Elemente in seinem Spielfilm-Debüt, das er hier präsentierte. Auch bei „Alt for Egil“ haben wir es mit einer liebenswerten Komödie zu tun, die die Tiefen und Untiefen des Lebens in einen leichten und humoristischen Blick fasst.
Egil Hjemeland ist der beste Pizzafahrer von Stavanger und außerdem Fan des norwegischen Popstars Morton Abel. Er lebt bei seiner todkranken Mutter und kümmert sich liebevoll um seinen geistig zurückgebliebenen Freund Jan-Ove, den er mit großem Elan ebenfalls zum Pizzafahrer machen und ihn damit aus der Behindertenwerkstatt herausholen will. Der liebenswerte Egil kümmert sich um alles und jeden - nur nicht um sich selbst. Da begegnet ihm die etwas zurückhaltende, hübsche Annette. Bei einem Zusammenstoß auf der Skipiste fliegt sie buchstäblich in sein Leben, fällt zunächst einmal aber ins Koma. Egil besucht sie täglich auf der Intensivstation und singt ihr so lange Lieder vor, bis sie schließlich aus dem Koma erwacht. Doch bis es auch hier zu einem Happy End kommen kann, müssen noch so einige Hindernisse überwunden werden: Jan-Ove kämpft mit der Eifersucht des vermeintlich verlassenen Freundes, Egils Mutter stirbt, Annette sieht einen Vertrauensbruch, weil ihr Egil so lange verschwieg, dass er der Verursacher ihres Unfalls war. Doch das Glück geht nicht immer geradlinige Wege, und vieles lässt sich im Lied eben besser sagen als nur in Worten.
Ein schönes, anrührendes Melodram – und wie die beiden anderen norwegischen Filmbeiträge mit Humor und Tiefgang gestaltet, was sich nicht immer so glücklich verbindet ( eine norwegische Spezialität?).
Bleibt also abzuwarten, ob die auf der Festivalleinwand erstmals präsentierten Werke den Sprung in die Kinos, auf die Publikumsleinwände schaffen, um sich die Herzen der Zuschauer erobern zu können. Nach allen Erfahrungen mit norwegischen Filmen in der Vergangenheit steht dem nichts im Wege.